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Gedenkstunde Pogromnacht Stadt Offenbach
Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke an der Flamme vor dem Rathaus. © georg-foto,offenbach am main
Mit einer Kranzniederlegung und einer symbolischen Gedenkminute hatte die Stadt Offenbach am Montag, 9. November, an die Flamme vor dem Rathaus geladen. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zog ein plündernder Mob durch die Straßen deutscher Städte und Dörfer und gingen in den Novemberpogromen zahlreiche Schaufenster zu Bruch, wurden Wohnung geplündert und angezündet, gingen Bürgerinnen und Bürger gegen ihre jüdischen Nachbarn vor. Gemeinsam mit Professor Alfred Jacoby von der Jüdischen Gemeinde, zwei Schülerinnen der Jahrgangsstufe 10 der Marienschule sowie wegen der aktuellen Corona-Beschränkungen exakt 50 Bürgerinnen und Bürgern erinnerte Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke an den daraus folgenden Zivilisationsbruch, dem bis zur Kapitulation Deutschlands 6 Millionen Juden in ganz Europa zum Opfer fielen und rief zur Wachsamkeit gegenüber antisemitischer Tendenzen.

Betroffenheit sei eine interessante Gefühlslage, meinte Professor Alfred Jacoby von der Jüdischen Gemeinde, die sich der Gedenkfeier vor dem Rathaus angeschlossen hatte, in seiner Rede: „Betroffen kann man sein, wenn man direkt betroffen ist. Wenn man, wie meine Eltern zum Beispiel, seine Familie verloren hat. Oder wenn man, so wie ich, keine Großeltern mehr hatte.“
Der 9. November gehe alle an, zumal sich an diesem Tag auch die Wiedervereinigung des nach dem Krieg getrennten Deutschlands jähre. Dies auch als ein Ergebnis dessen, was die nationalsozialistische Rassenideologie spätestens 1938 begonnen habe, so Jacoby weiter.

Auf die historische Entwicklungslinie hatte Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke in seiner Rede bereits hingewiesen, dass nämlich der Antisemitismus nicht erst mit der Machtergreifung Hitlers aufgekommen sei, sondern bereits eine lange Tradition nicht nur in Deutschland hatte. In Anerkennung dessen gelte es, weiterhin wachsam zu sein und etwaigen Tendenzen beherzt entgegenzutreten. Zumal, so Schwenke, es in den letzten zwölf Monaten wieder etliche Vorkommnisse gegeben habe: „Juden werden beleidigt, bespuckt, bedroht, attackiert. Wegen ihres Glaubens, weil sie als Juden erkennbar sind. Das geschieht fast jeden Tag und an manchen Tagen mehrfach. Viele, kleine Feindseligkeiten, dem gemeinen Anschlag an Halle am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur am 9. Oktober vergangenen Jahres folgten ein Angriff gegen ein israelisches Restaurant in München, Hassmails an den Vorsitzenden eines jüdischen Verbandes“, mit dem Davidstern beschmierte Hauswände, umgekippte Grabsteine, die Liste ließe sich fortsetzen.

Lange Tradition der Toleranz in der Stadt

„Der 9. November hole etwas hervor, nämlich, dass man Achtung vor dem Nächsten haben müsse“, so Jacoby weiter. Mit Blick auf die französisch-reformierte Kirche gegenüber und die nachfolgende Rede der beiden Schülerinnen wies er auf die Tradition und die Toleranz in der Stadt hin, die „Achtung, Respekt, Civitas eben“ lehre.

Joyce Asifiwe Kachunga und Jasmin Kilodziej sprachen stellvertretend für ihre Mitschülerinnen der Klasse 10a der Marienschule. Seit September hatte sich die Klasse mit Antisemitismus und Judentum beschäftigt und dabei auch die Synagoge in der Kaiserstraße besucht. Das sei eine bewegende Erfahrung gewesen, erklärten beide, jedoch habe sie die Tatsache, dass sich immer eine Polizeistreife vor dem Gebäude befinde, erschreckt. Auch während ihrer Recherchen haben sie festgestellt, wie wenig Wissen über den 9. November 1938 teilweise vorhanden und wie verbreitet Diskriminierung gegen Juden noch immer sei. „Wir brauchen mehr Aufklärung. Wir müssen Mut entwickeln für Frieden und Gerechtigkeit auf dieser Welt.“ 

Dr. Schwenke dankte allen Anwesenden, die damit ein Zeichen für ein friedliches und weltoffenes Offenbach gesetzt haben. „Denn“, so Schwenke, in aller erster Linie sind wir nicht Angehörige irgendeiner Glaubensgemeinschaft, sondern in allererster Linie sind wir alle Menschen.“

Antisemitismus ist nicht in der Schublade abgelegt

Die Geschichtswerkstatt hatte traditionell zum Gedenken auf den Platz der Einheit geladen. Günter Burkart erinnerte in seiner Rede unter anderem an Max Dienemann, den letzten Rabbiner Offenbachs vor dem Holocaust, der am 29. November aus der Erzwingungshaft in einem Außenlager des KZ Buchenwald zurückkehrte und der sich am Sabbath des Chanukka-Festes am 24. Dezember 1938 in der verwüsteten und entweihten Synagoge an der Goethestraße von seiner Gemeinde verabschiedete. Über London folgte er seinen Kindern nach Palästina, wo er im April 1938 in Tel Aviv starb. Er sprach über den Vernichtungskrieg des Deutschen Reiches und die systematische Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden, die auch dann noch fortgesetzt worden sei, als bereits alliierte Bomber deutsche Städte verwüsteten. Mit der Verschiebung der moralischen Grenzen, so Burkart, „ist der 9. November 1938 leider Gottes verdammt aktuell. Antisemitismus ist nämlich nicht irgendwas Scheußliches – irgendwo da in den Schubladen der Geschichte abgelegt.“

Wir haben die Gedenkfeier an der Flamme vor dem Rathaus aufgezeichnet, das Video finden Sie hier:
Gedenkveranstaltung an der Flamme vor dem Rathaus am 9. November 2020 © georg-foto.de/Stadt Offenbach
Offenbach am Main, 11. November 2020