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Der Großbrand im Stadtkrankenhaus von Offenbach hat die Menschen im Herbst 1984 erschüttert. Beißender Qualm zog durch das Hauptgebäude, der Strom fiel vollständig aus - 900 Patienten mussten evakuiert werden. Am Ende zeigte sich, was ein ausgeklügelter Rettungsplan und viele engagierte Helfer zu leisten im Stande sind.

Feuer im Stadtkrankenhaus

Um 5:38 Uhr waren die Zeiger der Uhr im Zimmer U 260 des Offenbacher „Stadtkrankenhauses" stehengeblieben. Man schrieb Freitag, den 7. September 1984, als Rauchwolken aus dem erst zehn Jahre alten 14-stöckigen Bettenhaus aufstiegen.

Was war passiert?

Im zentralen Krankenblatt-Archiv, einem Kellerraum, war eine Neon­Leuchtröhre implodiert, die Akten hatten Feuer gefangen. Um 5:21 Uhr schlägt der Feuermelder Nr. 059 Alarm. Sieben Minuten später sind die die Feuerwehrmänner zur Stelle, und in kürzester Zeit sind die Flammen erloschen. Anscheinend ist alles nochmal gutgegangen. Umso größer das Entsetzen, als plötzlich starker Qualm durch die Zwischendecke dringt: das Feuer breitet sich weiter aus und wird mit Wasser und Lösch-Chemikalien bekämpft - vergebens, denn der Brandherd ist nicht direkt erreichbar. Dann ertönt explosionsartiges Geknalle - Kurzschluss! Aber auch die Notstrom-Aggregate müssen ausgeschaltet werden, sonst gibt es weitere unkontrollierbare Explosionen. Rund um den Brandherd sind alle Stromkabel zerstört - es waren die Hauptleitungen. Das gesamte Hochhaus hat jetzt keinen Strom mehr und wird nur noch von der allmählich aufsteigenden Morgendämmerung notdürftig beleuchtet, aber immer mehr von undurchdringlichem Qualm verdunkelt. Die Aufzüge stehen still. Verbranntes Papier, verkohlte Kabel, verschmorte Gummi- und PVC-Beläge: Ihr ätzender Rauch dringt durch die dunklen Treppenhäuser bis unter das Flachdach im 14. Stock. Die Situation droht außer Kontrolle zu geraten. Zum Fragen und Diskutieren bleibt keine Zeit. Es geht um das Leben von knapp 1000 Menschen - darunter auch einige Patienten, die auf eine dringende Operation warten, und andere, die auf der Intensivstation liegen. „Das ganze Gebäude evakuieren!" entscheidet gegen halb zehn Uhr morgens der damalige Oberbürgermeister Walter Suermann als Leiter des Krisenstabes.

Szenen wie im Katastrophenfilm

Auf der Ostseite des Zentralgebäudes versuchen Hundertschaften der Feuerwehren aus Offenbach und den Nachbarstädten, Feuer und Qualm in den Griff zu bekommen. Derzeit bringen auf der anderen Seite mehr als 1500 Helfer - darunter Mitarbeiter der Rettungsdienste und des Katastrophenschutzes und alle erreichbaren Ärzte und Pflegekräfte des Klinikums - Patienten auf Tragbahren ins Freie. Rasch, aber vorsichtig, denn sie müssen durch dunkle Treppenhäuser. Wo keine Trage zur Hand ist, packen Helfer die Patienten in Tücher oder tragen sie huckepack nach draußen. Die Rettungsaktion läuft genau nach Plan: zuerst sind die Neugeborenen im 14. Stock an der Reihe, dann folgen die Patienten der anderen Stockwerke - von oben nach unten. Die meisten Patienten sind glücklicherweise gehfähig. Sie werden in Zehner-Gruppen durch die Treppenhäuser geführt. Dort tasten sie sich Hand an Hand, mit geschlossenen Augen und nassen Tüchern vor dem Mund, Stück für Stück über die verqualmten Gänge und Treppen. Nur kurz können sie zwischendurch mal die Augen öffnen, denn der Rauch ist beißend. Das einzige Orientierungslicht liefern Taschenlampen, mit Heftpflaster an die Wände geklebt.

Keine Verletzen Dank perfekt geplanter Rettungsaktion

Nach zwei Stunden ist das Unglaubliche geschafft: Alle Patienten sind in Sicherheit. Die Offenbacher Behörden haben in der Zwischenzeit Notunterkünfte in der Stadthalle und mehreren Schulen vorbereitet. Busse der Offenbacher Verkehrsbetriebe und Krankenwagen transportieren die Patienten zu den Notquartieren. Schwerkranke und Bettlägerige kommen in 12 verschiedene Krankenhäuser der Umgebung. Der Krisenstab gibt Entwarnung: Das komplette Gebäude ist geräumt. Niemand ist zu Schaden gekommen, eine Panik ist ausgeblieben - dank des umsichtigen Einsatzes von Ärzten, Pflegekräften und Rettungsmannschaften. Zur Arbeit der Feuerwehr gehört aber, wie immer, auch die anschließende Brandwache. Erst nach zwei vollen Tagen wird am frühen Sonntagmorgen das Ende des Einsatzes verkündet.

Beispielloses Großaufgebot an Helfern

Der Hilferuf aus Offenbach war bis weit über die Stadtgrenzen hinaus erklungen, als die Rettungsaktivitäten anliefen. Stundenlang hallten die Martinshörner der Feuerwehr-, Kranken- und Notarztfahrzeuge durch die Straßen rund um das Stadtkrankenhaus. Sämtliche Rettungsdienste der Region waren, gemeinsam mit Feuerwehr und Technischem Hilfswerk, beteiligt, unterstützt durch Bundeswehr und US-Streitkräfte. Die Taxizentrale sorgte dafür, dass alle freien Taxis das Krankenhaus anfuhren und entlassene Patienten kostenlos nach Hause brachten - als eher seltene, weil oft nur mit einem Bademantel bekleidete Fahrgäste. Die Offenbacher Verkehrsbetriebe stellen spontan sechs Linienbusse für den Transport der Patienten in die Notunterkünfte zur Verfügung. Mitarbeiter des Klinikums, die schon auf dem Weg in den Urlaub waren, kommen zurück und packen mit an. Die örtliche Tageszeitung „Offenbach-Post“ gibt eine Sonderausgabe, ein Extrablatt, heraus.

Bild und Text: www.sana.de