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p>Was fällt den Leuten ein, wenn von dem Architekten Egon Eiermann (1904-1970) die Rede ist? Sicherlich der Wiederaufbau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche im Herzen von Berlin. Oder die Deutsche Botschaft in Washington. Vielleicht die einstige Neckermannzentrale an der Hanauer Landstraße in Frankfurt am Main und das Abgeordneten-Hochhaus des Bundestags in Bonn, das alle damals „Langer Eugen“ nannten, nach dem Vornamen des kurzgewachsenen Parlamentspräsidenten Gerstenmaier. Das sind nur einige der Bauten, mit denen der damalige Architekturprofessor an der Technischen Hochschule Karlsruhe den Ruf erwarb, einer der bedeutendsten deutschen Architekten der Nachkriegsmoderne zu sein.</p>
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Offenbach wird in diesem Zusammenhang nur selten genannt. Dabei hat auch diese Stadt ihre „Eiermann-Häuser“. Sie stehen am Johann-Strauß-Weg im Stadtteil Lauterborn. Als Muster sollten sie die drei unterschiedlich großen Typen anschaulich machen, die für eine ausgedehnte Siedlung von Atriumhäusern geplant waren. Sie stehen jetzt seit 50 Jahren. Im November 1965 waren die Offenbacher zur Besichtigung eingeladen. Betreten werden konnte das Haus Johann-Strauß-Weg 11, das eigens dafür mit modernen Schaumöbeln ausgestattet worden war. Damals trugen die Häuser allerdings noch Hausnummern der Richard-Wagner-Straße, den Straßennamen Johann-Strauß-Weg gab es noch nicht.

Manche Besucher zeigten sich angetan von dem Gezeigten. Kritiker bemängelten jedoch, dass Eiermann nach dem Vorbild amerikanischer Kleinstädte auf eine Zaunbegrenzung zur Straße verzichtet hatte. Sein Programm waren Offenheit, viel Licht und schnörkellose Klarheit. Mit Flachdächern und geöffneten Vorgärten ergab das ein Bild, das Spötter an „Hasenkästen“ erinnerte. Sie wollten Kaninchenställe für Menschen erkennen.

Bevor die Öffentlichkeit das erste Musterhaus betreten durfte, stellte sich Egon Eiermann dort den Stadtverordneten zu einer Vorbesichtigung. Dabei kam es zu einem amüsanten Wortwechsel mit dem Meister. Stirnrunzelnd blickte eine Dame im Wohn-/Esszimmer zum Sheddachfenster in der Decke auf: „Herr Eiermann, wie soll man das denn putzen?“ Eiermann entwaffnete sie mit frecher Lässigkeit: „Hier, gnädige Frau, wird das Prinzip der selbsttätigen Reinigung wirksam.“ Sollte heißen: Der Regen wäscht das schon ab. Die Fragestellerin ließ das verstummen.

Eiermann hatte die Häuser in der Form des Buchstabens L entworfen. Der straßenseitige kurze Trakt nahm auf, was der Architekt als „öffentlichen Raum“ bezeichnete: Diele und Garderobe, Wohn-/Esszimmer mit Küche, Gästezimmer und Gästetoilette. Die Intimzone mit Schlafzimmern und Bad brachte er im längen Trakt unter, mit begehbaren Schränken auf der ganzen Länge. Alle Zimmer, außer dem Bad, hatten Fenstertüren zum Gartenhof. Von diesem Grundriss wich nur der mit 74 qm kleinste Haustyp ab. Die beiden anderen boten 145 und 122 qm Wohnfläche.

Geplant hatte der Architekturpapst Eiermann für die Neckermann-Tochter Eigenheim GmbH mit ihrem Geschäftsführer Haum. Sie suchte damit ihren Anteil am Fertighaus-Markt auszuweiten. Dabei sprachen für Eiermanns Konzept der minimale Grundstücksverbrauch und die wirtschaftlich günstige Verwendung vorgefertigter Beton-Schichtplatten. Mit einer Auflage von 95 Häusern, so hatten die Bauträger errechnet, werde in Offenbach die Wirtschaftlichkeit erreicht. Doch dazu kam es nicht.

Die Musterhäuser waren noch nicht fertig, als die Bundesrepublik in ihre erste Wirtschaftskrise schlidderte. Als „Erhard-Rezession“ ist sie mit dem Namen des 1965 abgewählten Kanzlers Ludwig Erhard verbunden. Gemessen an späteren Krisen wird man sie heute lediglich als eine Abkühlung sehen. Damals jedoch hat sie mit steigenden Arbeitslosenzahlen und einer rigiden Sparpolitik geschockt. Möglicherweise wurde die Zahl der Kaufinteressenten auch durch die im Rathaus getroffene Entscheidung belastet, vorrangig müssten Offenbacher Bewerber berücksichtigt werden. Neckermann kam jedenfalls nicht auf die errechnete Mindestzahl und ließ das Projekt fallen.

Geblieben sind die vier Musterhäuser. Die beiden großen sicherten sich Neckermann-Manager: der Eigenheim-Geschäftsführer Haum und sein Chefarchitekt Helmut Flieger. Die beiden anderen Häuser durfte die Stadt Offenbach verkaufen. Von den Ersterwerbern ist mittlerweile keiner mehr dort ansässig. Ein Offenbacher erinnert sich, erst am Johann-Strauß-Weg gelernt zu haben, dass Eiermann bei Liebhabern auch hohes Ansehen als Möbeldesigner genoss. Das war, als eine Besucherin jubelte: „Ich bin so stolz auf meinen Eiermann-Stuhl, und du hast ein ganzes Eiermann-Haus!“

Manche der Eiermann-Ideen haben sich seitdem der Lebenswirklichkeit beugen müssen. Haus Nr. 13 war das erste, das sich mit einem Zaun von der Straße schied. Die Bewohner waren es leid, immer wieder spielende Kinder aus ihrem Vorgarten weisen zu müssen. Haus Nr. 11 ersetzte die Blumenrabatte durch einen dornigen Strauch, weil immer wieder fremde Mütter entzückt zusahen, wie ihre Kinder die Blumen pflückten. Später folgte auch dort ein Zaun. Haus Nr. 9 setzte einen Carport neben die Haustür. Auch im Inneren lösten mehrfache Besitzerwechsel allmählich Eiermanns Grundrisse auf.

 

Verändert hat sich nach dem Erstbezug auch die Adresse. Die ersten Bewohner fanden an den Haustüren noch Hausnummern der Richard-Wagner-Straße. Dann beschloss die Stadtverwaltung, der parallel zur Industriebahn verlaufenden Zufahrt den Namen Johann-Strauß-Straße zu geben. Dagegen gab es Protest aus dem Haus Nr. 11: Strauß-Straße, zweimal ST, das lasse sich nur zischen, nicht aber aussprechen. Der Kritiker schlug den der Zunge gefälligeren Namen Johann-Strauß-Weg vor, und sie Stadt fügte sich.

Viel hat sich also verändert, seit vor 50 Jahren ein international renommierter Architekt in Offenbach das „Prinzip selbsttätiger Reinigung“ erfand. Nur in der reichhaltigen Eiermann-Literatur sehen die Häuser noch aus wie vor 50 Jahren, eben als „die Offenbacher Eiermann-Häuser“.

Lothar Braun (Ralo) ist Freier Mitarbeiter des Amts für Öffentlichkeitsarbeit. Bitte ihn bei kompletter Veröffentlichung als Autor nennen. Ralo hat eines der Häuser selbst über Jahrzehnte bewohnt.

Fotos: Stadt Offenbach