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Die meisten Spaziergängerinnen und Spaziergänger in einem Park sehen einfach nur Bäume. Menschen, die etwas mehr Interesse an Botanik haben, unterscheiden auch schon in Buchen, Ahorn oder Birken.

Wenn Benjamin Drews Bäume sieht, erkennt er nicht nur die Art, sondern auch, ob es dem Feldahorn oder der Blutbuche gut geht, wo an dem Stamm geschützte Käferarten leben könnten, ob es dort Nisthöhlen gibt oder Verstecke für Fledermäuse und ob der Baum Faulstellen hat. Der gelernte Garten- und Landschaftsbauer arbeitet seit zehn Jahren beim Stadtservice der Stadtwerke Offenbach und nutzt das dortige Angebot für Zusatzqualifikationen. „Auch im Grünwesen werden die Anforderungen angesichts des Klimawandels immer komplexer“, sagt Heiko Linne, Betriebsleiter der ESO Stadtservice GmbH. „Deshalb ist es wichtig, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier immer auf dem neuesten Stand bleiben.“

Nach einem entsprechenden Arten- und Naturschutzlehrgang kann sich Benjamin Drews nun nicht nur „FLL (das steht für Forschungsgesellschaft für Landschaftsentwicklung Landbau e.V.Bonn) zertifizierter Baumkontrolleur“, sondern auch „Zertifizierter Sachkundiger für Baum-Habitatstruktur“ nennen. „Hierbei geht es vor allem um die artenschutzgerechte Baumpflege“, erklärt Benjamin Drews. „Jeder Baum ist ein Zuhause für viele Lebewesen wie Käfer, Fledermäuse, Vögel, darunter auch geschützte Arten. Gleichzeitig sind immer mehr Bäume wegen des Klimawandels und der zunehmenden Trockenheit in ihrer Standsicherheit gefährdet und beeinträchtigen je nach Standort die Verkehrssicherheit. Bevor wir einen Baum fällen oder zur Pflege beispielsweise die Krone oder Äste stutzen, müssen wir erkennen, welche Tiere dort eventuell leben.“

Zwar arbeitet Drews inzwischen vorwiegend in der Arbeitsorganisation der Abteilung Grünwesen. „Aber ich muss das entsprechende Fachwissen haben, um auf Augenhöhe mit den Baumkontrolleuren kommunizieren zu können.“ Auch die Mitarbeiter der Baumkolonne des Stadtservices besuchen regelmäßig Lehrgänge zum Thema Artenschutz.

Benjamin Drews
Benjamin Drews hat eine Weiterbildung gemacht und ist nun Zertifizierter Sachkundiger für Baum-Habitatstruktur. © SOH

Schutz von Habitatbäumen

Benjamin Drews hat während seiner Fortbildung gelernt, was ein Baum über seine Bewohner erzählt: Wo findet man Spechthöhlen und Hinweise darauf, dass diese bewohnt sind, wo ist die Rinde lose – ein Hinweis darauf, dass dort Fledermäuse Unterschlupf finden -,gibt es Totholzbereiche mit seltenen Käfern? Bestätigt sich, dass dort Tiere leben, wird der Habitatbaum so lange wie möglich erhalten. „Die Verkehrssicherheit geht aber immer vor“, sagt Benjamin Drews. „Inmitten eines Parks oder in Landschaftsschutzgebieten können in seltenen Fällen auch standgefährdete Bäume bleiben. Drohen sie beim Umfallen auf einen Weg stürzen und damit Menschen gefährden, müssen wir sie entfernen. Wir sprechen aber solche Maßnahmen immer mit dem Amt für Umwelt, Energie und Klimaschutz ab.“

Eventuell wird der Baum so weit zurückgeschnitten, dass nur noch der Stamm als Lebensraum stehen bleibt. Geht auch das nicht mehr, weil er auf einen Weg zu stürzen droht, wird umgesiedelt. Lebt beispielsweise im Stamm eines zum Fällen bestimmten Baumes ein Totholzkäfer , wird der Baumteil ausgesägt und in der Nähe der gleichen Bäume abgelegt. Dann können die Käfer dort ein neues Zuhause finden. Das wurde bisher schon im Dreieichpark so umgesetzt. Sind Bruthöhlen noch besetzt, wird nach Möglichkeit so lange gewartet, bis die Jungvögel ausgeflogen sind. Dafür hat die Baumkolonne des Stadtservices eine eigene kleine Höhlenkamera an einer langen flexiblen Leitung. Damit können die Mitarbeiter vorsichtig nachschauen, was sich in den Stammlöchern verbirgt.

„Der Schutz von Habitatbäumen ist ein sehr spannendes Gebiet“, sagt Drews. Er wird sich auch weiterhin regelmäßig mit dem Thema beschäftigen: Für den Titel „Zertifizierter Sachkundiger für Baum-Habitatstruktur“ muss diese Fortbildung alle zwei Jahre aufgefrischt werden, damit er seine Gültigkeit behält.

12. März 2021