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Im Interview erzählt die Schäferin Melanie Brost, wie alles begann, was sie an ihren Tieren fasziniert und warum Offenbach von der Herde sowie dem Sponsoring der Stadtwerke profitiert.
Schäferei Mainbogen, Melanie Brost, 30.06.2020
Landschaftsflege mit Herz: Beim Schäfchen zählen kommt Melanie Brost aktuell auf 56. © Monika Müller

Frau Brost, wie sind Sie zu Ihrer Schafherde gekommen?
Das war Zufall. Ich bin zwar mit Tieren aufgewachsen, aber ohne Nutztiere. Mich haben die Kangalhunde fasziniert, und 2016 informierte ich mich bei einer Schäferin über die Haltung von Schafen, damit ich langfristig einem solchen Herdenschutzhund eine Aufgabe bieten kann. Vor Ort brach sich ein Lämmchen das Bein und sollte getötet werden. Das konnte ich natürlich nicht zulassen, also kehrte ich mit drei Schafen nach Hause zurück – darunter die kleine Elsa, die einen Gips bekam und bis heute zu meiner Herde gehört. Damals dachte ich ehrlich gesagt, dass Schafe ziemlich langweilig sind…

SOH-Sponsoring Herde Schäferei Mainbogen
Bunt gemischte Gruppe: Manche Schafe sind sehr zutraulich, andere eher scheu. © Monika Müller
SOH-Sponsoring: Lämmchen der Schäferei Mainbogen
Jüngstes Mitglied der Herde: Molly ist erst zwei Wochen alt. © Monika Müller

Inzwischen haben Sie Ihre Meinung über Schafe geändert?
Ja, denn mit der Zeit kam ein Tier zum anderen: alte Schafe, die keiner mehr wollte, oder Flaschen-Lämmchen, deren Aufzucht für andere zu aufwändig war. Auch Schlachtlämmer, die eine Freundin bei ebay ersteigert hat, bekommen bei mir ein Gnadenbrot. Ich habe gemerkt, dass Schafe zwar nicht die Schlauesten, aber gesellig und friedlich sind. Sie verhalten sich echt lustig und ganz individuell, manche hören sogar auf ihren Namen. Die Gruppe ist bunt gemischt, auch von den Rassen her, daher kann ich sie gut auseinanderhalten.

Nun betreiben die Tiere ökologische Landschaftspflege in Offenbach; was heißt das genau?
Die Schafe halten den Grünwuchs niedrig und drängen wuchernde Pflanzen wie beispielsweise Brombeeren zurück. Durch ihre Tritte und Bisse stärken sie das Wurzelsystem, das unter maschineller Pflege eher leidet: Die Pflanzenwelt wird artenreicher. Außerdem funktionieren die Tiere wie Taxis, auf denen Käfer oder Eidechsen von einer Wiese zur anderen gelangen können, wodurch isolierte Lebensräume wieder vernetzt werden. Und ihr Kot wirkt wie Dünger auf den Boden. Wir haben vor gut zwei Jahren mit der Landschaftspflege am Schultheisweiher angefangen und sind, nach den guten Erfahrungen dort, seit Anfang dieses Jahres als Dienstleister vor allem am Mainbogen unterwegs.

Wie vereinbaren Sie Ihren Vollzeitjob mit der Arbeit als Schäferin?
Meine Freizeit fließt komplett in die Tiere, sie sind einfach meine Leidenschaft. Ich gehe jeweils vor und nach der Arbeit für mindestens eine Stunde zur Herde, abends oft auch länger – tagsüber und nachts sind meine Hunde ihre Leibwächter. Andere machen Urlaub, gehen shoppen oder ins Café, aber das brauche ich alles nicht. Viel lieber picknicke ich mit Freundinnen bei meinen Schafen.

Bekommen Sie auch Unterstützung?
Ja, die Schafspatinnen und –paten helfen mir ehrenamtlich, etwa beim Aufstellen der Elektrozäune. Das Scheren hat kürzlich ein Fachmann übernommen: Er braucht fünf Minuten für ein Schaf, bei mir dauert es eine Dreiviertelstunde. Insgesamt ist die Resonanz der Menschen sehr positiv. Eltern freuen sich, dass Kinder mit ihnen rausgehen, wenn sie dabei Schafe sehen können. Ältere Menschen erzählen mir abends über den Zaun hinweg, welches Verhalten sie bei den Tieren beobachtet haben. Unser vorletzter Umzug war besonders schön: Das sind wir mitten durch Rumpenheim gewandert, und viele Leute standen strahlend am Fenster und haben gewinkt.

03.07.2020